Interview mit EM-Teilnehmer Christoph Kessler

Auch Christoph Kessler hat aus Anlass seines ersten großen internationalen Einsatzes, wo er in Belgrad über 800 Meter nach dem Vorlauf knapp die Segel streichen musste, verschiedene Fragen rund um die Hallen-EM und sein sportliches Leben beantwortet.

Wie bewertest du deinen Auftritt bei der EM in Belgrad in puncto eigener Leistung, Eindrücken vor Ort, Betreuung und Unterkunft?

Mit meinem Lauf bin ich eigentlich zufrieden, mit dem Ergebnis natürlich nicht. Ich bin taktisch bis auf ein Überholmanöver, das ich zwingender hätte durchziehen müssen sehr gut gelaufen. Leider war ich im langsamsten Vorlauf und Kyle Langford hinten raus einfach zu stark. Ich war auf 13 gemeldet, da will man dann eigentlich schon unter die besten zwölf kommen, aber abgesehen von ein paar Athleten die mit 1:50er Zeiten gemeldet waren, war alles einfach unglaublich eng zusammen. Da es meine erste Internationale Meisterschaft und dann gleich bei den Aktiven war, war vieles erstmal ziemlich groß und auch neu. Die Stadt Belgrad an sich war nicht schön, aber unser Hotel und auch die Arena waren ziemlich geil. Die Wege, was Call Room und sonstiges angeht, waren recht lang, aber man fand sich gut zurecht und die Volunteers waren auch extrem nett. Unsere Bundestrainer haben uns super betreut, was Busfahrten zur Arena, Organisatorisches und auch die Wettkampfvorbereitung anging, so dass man sich eigentlich um fast nichts selbst kümmern musste. Im Hotel war das Essen zwar gut, aber nicht besonders abwechslungsreich, alles andere war aber super und es bot sich ausreichend Gelegenheit, sich mit anderen Sportlern zu unterhalten.

Wie sieht deine kommende Trainingsplanung aus?

Was das Training betrifft, so geht es nach ein paar ruhigeren Tagen jetzt schon wieder los ins Höhentrainingslager nach Flagstaff/Arizona. Da ich dieses Jahr ja dem JET Team (Junior Elite Team) angehöre und deshalb höhere Zuschüsse bekomme, wollte ich das einmal ausprobieren. Es ist für mich das erste Höhentrainingslager und auch das erste Mal, dass ich in Amerika sein werde. Dort wird dann verstärkt an der Grundlagenausdauer und der Kraft gearbeitet, um darauf dann nach der Rückkehr wieder aufzubauen. Ich freue mich schon und bin gespannt, wie es in der Höhe laufen wird. Über 110 km die Woche werden dabei im Schnitt auf jeden Fall gemacht.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang deine Trainingsgruppe? Wie motivierst du dich?

Die Trainingsgruppe ist in meinem Fall sogar der ausschlaggebende Punkt dafür, dass ich diesen Sport so intensiv betreibe. Abgesehen von der extremen Leistungsfähigkeit unserer Gruppe, sowohl im Mittelstrecken-, als auch im Langstreckenbereich, ist es menschlich einfach ein super Team. Wenn man mit manchen Leuten, in diesem Fall Holger Körner, bis zu 7, 8mal die Woche zusammen trainiert, ist es einfach enorm wichtig, sich gut zu verstehen. Entscheidend ist vor allem auch die Lockerheit bei uns in der Gruppe. Und gerade in meinen Mittelstreckenkollegen habe ich nicht nur Trainingspartner, sondern auch meine besten Freunde gefunden. Nicht vergessen werden darf dabei natürlich Günne, der perfekt als Trainer zu mir passt und extrem viel Arbeit in unsere Gruppe steckt. Man hat auf Wettkämpfen daher einfach Spaß und dann ist es mit der Motivation, immer das Maximum aus seinem Körper herauszuholen, auch einfacher.

Wie lassen sich der hohe Trainingsaufwand und dein Studium vereinbaren?

Ich studiere Verfahrenstechnik am KIT. Da ich ja nicht als Leistungssportler nach Karlsruhe gekommen bin, lag von Anfang an der Fokus auf meinem Studium. Das mit dem Sport hat sich ja erst ein Jahr später so toll entwickelt. Bis heute habe ich mein Studium sehr gut durchziehen können, auch wenn es von der Uni selbst eigentlich kaum Entgegenkommen gegeben hat. Aber wenn man sich seinen Tag gut einteilt und einen Überblick über seine Klausuren und Wettkämpfe hat, bekommt man das hin, auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist. Der Vorteil als Läufer ist, dass man einen Dauerlauf auch schnell mal in der Mittagspause machen kann. Als einziges Entgegenkommen der Uni darf ich im Übrigen kostenlos in den dortigen Kraftraum, was die Wege zwischen Vorlesung und Training auch in manchen Fällen verkürzt hat. Mittlerweile habe ich alle Klausuren hinter mich gebracht und bin an der Bachelorarbeit, die ich mir frei einteilen kann, womit dann z.B. das jetzige Trainingslager möglich wird. Da ich im Anschluss direkt den Master machen möchte, muss ich bald wieder auf ein Neues schauen, inwieweit ich alles miteinander vereinbaren kann. Komplette Urlaubssemester kommen für mich nicht in Frage, da ich auf keinen Fall nur den Sport machen will.

Welche Ziele hast du dir für die kommende Sommersaison gesetzt? Welche Fernziele strebst du in sportlicher Hinsicht an?

Die Hallen-EM war für mich schon ein Highlight in diesem Jahr, was zum einen den Druck für den Sommer nimmt, da ich ja schon eine große Meisterschaft erreicht habe, aber natürlich auch Lust auf mehr gemacht hat. Meine Ziele in der Freiluftsaison sind die Teilnahme an der Universiade und an der U23-EM, bei der ich je nach Saisonverlauf schon vorne mitlaufen möchte. Aber gerade im U23-Bereich ist die Leistungsdichte bei uns sehr hoch, also wird die zugehörige Qualifikation kein Spaziergang und damit eine weitere große Herausforderung. Auch wichtig ist natürlich die 3x1.000 Meter-Staffel im Sommer, bei der wir, wenn alle fit sind, gute Chancen haben, bei den Deutschen Meisterschaften vorne mitzulaufen und um den Titel zu kämpfen. Fernziele habe ich mir noch nie gesetzt, weil im Sport immer sehr viel passieren kann und man dann schnell enttäuscht ist, wenn man lange auf etwas hinarbeitet und es dann nicht schafft. Ich will weiter Spaß im Training haben, hoffe dass die Trainingsgruppe größtenteils zusammen bleibt, um dann von Saison zu Saison schauen und dort meine Ziele zu erreichen. Natürlich sind die Olympischen Spiele die größte Sache für einen Sportler, aber bis dahin sind es noch drei Jahre und insofern ist mein etwas näherer Fokus erst einmal grob auf die Heim-EM in Berlin im nächsten Jahr gerichtet. Aber auch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Wie fühlt man sich als Top-Leichtathlet, wenn man die eigene finanzielle Situation/Unterstützung mit der eines durchschnittlichen Landesligakickers vergleicht?

Wenn man Geld für seine Leistungen bekommt, ist das zwar eine schöne Sache, aber ich habe den Sport nie gemacht um damit Geld zu verdienen, sondern weil er mir einfach Spaß macht, man viel erlebt und tolle Leute kennen lernt. Klar kann man sich darüber aufregen, dass Fußballer auch in den unteren Ligen viel zu viel Geld für ihren geringen Aufwand bekommen, aber das bringt einem ja nichts, da sich daran so schnell nichts ändern wird. Vom DLV selbst kommt auch keine allzu große finanzielle Unterstützung, allerdings sind die ja auch von ihren eigenen finanziellen Möglichkeiten abhängig. Gerade als Läufer ist es jedoch schwierig, da der finanzielle Beistand von den erbrachten Leistungen im internationalen Vergleich abhängt, und da sieht man als deutscher Läufer gegen die Konkurrenz außerhalb Europas kein Land. Dadurch, dass ich seit diesem Jahr im JET Team bin, bekomme ich aber von der deutschen Sporthilfe finanzielle Unterstützung, kann mich also nicht beklagen. Als „normaler“ B-Kader-Athlet ist die finanzielle Hilfe allerdings eher gering. Darum ist es auch wichtig, in einem Verein zu sein, der für seine Sportler da ist, auch wenn es mal nicht so läuft.